Auszug aus einem Interview von Danilo Kardel mit Martin von Allmen (Hannover 2005):

(...) Die Substanz meiner Kurse möchte ich nicht ändern. Er ist für mich zugleich etwas sehr altes und neues, modernes, sogar zukunftgerichtetes. Die mehrstimmige Vokalpolyphonie der Renaissance sowie die freie Improvisation sind das Zusammentreffen zweier verwandter musikalischer Systeme.

Was ist denn das Zukünftige an deinem System?

Wir sind daran zu erkennen, dass wir an uns selber arbeiten müssen und uns gleichzeitig in einer gegenseitigen Abhängigkeit mit den Mitmenschen und der gesamten Welt um uns herum befinden. Und dass sich diese beiden Haltungen gegenseitig nicht ausschliessen. Ein Individualismus mit Scheuklappen vor den Augen ist eine Sackgasse. Jeder schaut für sich, seinen Klan und seinen Profit, der darauf ausgerichtet ist, dass alle anderen kürzer kommen als er selber. Ein übergeordnetes System jedwelcher Art macht uns je nach System entweder zu Opfern oder zu gedankenlosen Stromschwimmern. Ein übergeordnetes, von dritten entwickeltes System braucht im Extremfall den Polizisten, der darüber wacht, dass sich alle an das System halten. In solch einem System gibt es richtig und falsch. Diejenigen, die sich innerhalb befinden, und die anderen, die ausserhalb sind.

Was möchtest Du denn? Eine Gesellschaft ohne System, die Anarchie?

Nein, ich glaube, wir brauchen immer eine Organisation. Aber nicht eine von Dritten kreierte, sondern eine, die sich durch das momentane Tun ergibt, das von den Menschen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort befinden, durch ein gemeinsames Erlebnis immer wieder neu er-funden, ge-funden wird. Es entsteht so ein System, bei dessen Entstehung alle mit dabei gewesen sind, bei dessen Verwirklichung alle das Gefühl haben, daran teilzunehmen. Selbst wenn sie damit nicht einverstanden sind und austreten aus dem System, können sie dies aus einem direkten Bezug dazu tun: sie sind persönlich damit verbunden und nehmen nicht gegenüber einer abstrakten Vorgabe Stellung oder müssen sich gegenüber der abstrakten Idee rechtfertigen.

Und dies soll in der Musik geübt werden können?

Ja genau. Die Musik ist ein einfaches, recht oberflächliches Übungsfeld, in dem wir ohne Gefahren ausprobieren und Erfahrungen machen können, bei denen wir uns selber wie auch die anderen Menschen um uns besser kennenlernen können. Und weil die Musik für mich eine Analogie für das Leben im allgemeinen ist, können wir uns getrost auf dem Feld der Musik bewegen, uns über Musik unterhalten und gleichzeitig jeder für sich direkte Rückschlüsse für das alltägliche Leben ziehen.

Wie sieht das konkret aus?

Nehmen wir das Beispiel der freien Improvisation: jeder soll Tun können, "was er will". Wenn er dies ohne Rücksicht auf andere durchzieht, wird der Reiz der Musik sehr bald vorbei sein: er wird sich langweilen und andere Leute zum improvisisern aufsuchen, mit denen es ihm höchstwahrscheinlich erneut genauso ergehen wird. Wenn er jedoch mit einem Bewusstsein an die Sache herangeht und merkt, dass seine Äusserungen immer im Kontext zu den anderen Menschen, die sich genau zu diesem Zeitpunkt in genau demselben Raum befinden, steht, wenn er merkt, dass seine Töne immer in Bezug stehen zu anderen Tönen, die da sind, wird er sich zurechtfinden wollen, wird merken, dass er gleichzeitig Kreator und Geschöpf der Geschichte ist. Es wird immer ein musikalisches Geflecht entstehen, und ob wir diese Geschichte als Harmonie oder Disharmonie bezeichnen, ist Definitionssache, vom Standpunt des Betrachters wie auch von den zeitlichen Befindlichkeiten der Gesellschaft aus gesehen. Die Musik ist nicht das Leben selbst, aber sie ist eine Analogie hierzu und ein Übungsfeld, in dem der Einzelne Erfahrungen sammeln und schauen kann, wo er seine Grenzen sich selber vorgeben will, wo diese ihm von aussen aufgedrückt werden, und wie er direkten Einfluss als Schöpfer dieser Welt nehmen kann.

Wieso soll die Musik eine Analogie zur äusseren Welt sein?

Die Gleichzeitigkeit von Geschehnissen, die kaum voneinander zu trennen sind, das gleichzeitige Aufnehmen von Eindrücken und Aussenden von Impulsen, die die Welt verändern können, das Erleben einer Geschichte, ohne dass diese in Worten wiedergegeben werden kann. Ich habe einmal irgendwo eine Definition von "esoterisch" gelesen, von der ich nicht weiss, ob sie den nun überhaupt stimmt oder nicht, so habe ich sie jedoch in meiner Erinnerung: eingeweiht sein in ein Nicht-mittelbares Wissen. Ich meine damit etwas ganz alltägliches: wenn ich z.B. jemandem von meinen persönlichen Erlebnissen in einem bestimmten Land erzähle, so kann dieser sich höchstens eine Vorstellung davon machen, wie es dort sein könnte. Selbst wenn ich in den blumigsten Bildern spreche, mit extravaganten Gesten meine Erzählung untermale, weiss er doch nicht wirklich, wovon ich spreche. Er ist nicht eingeweiht. Es sei denn, er ist selber an genau demselben Ort gewesen! Dann brauche ich aber auch nicht ausführlich zu berichten, denn der Empfänger meiner Geschichte weiss ja sowieso aus eigener Erfahrung, wovon ich spreche, er ist "eingeweiht". Jeder kann also eine Erfahrung machen, wird sie verschieden Interpretieren und weiss dann, wovon die Rede ist, ohne dass er dies dem Aussenstehenden mitteilen kann. Eine Ausnahme hierzu bildet in meinen Augen die Kunst, die andere Ebenen anspricht als das Gedankliche. Sie ist für jedermann - so er dies denn will - sinnlich erfahrbar und wird von ihm "verstanden", auch wenn er dies dann nicht in Worten ausdrücken kann. Was ja wiederum der Sinn der Kunst ist: könnten Bilder in Worten, könnte Musik in Worten ausgedrückt werden, würde man wohl Bücher schreiben.

(...)

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